111 Zeugenvernehmungen, 1,4 Millionen Aktenseiten, 600.000 E-Mails, 500 Stunden Ausschusssitzungen – die elf Mitglieder des Untersuchungsausschusses zur Aufarbeitung des deutschen Afghanistan-Einsatzes hatten gut zu tun in den vergangenen zweieinhalb Jahren. Gestern stellte der Ausschussvorsitzende Ralf Stegner (SPD) die Ergebnisse in Berlin vor. Der Bericht geht auch auf das deutsche Versagen bei der Evakuierung des eigenen Personals aus Afghanistan ein nach der gewaltsamen Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021. Im Kern kritisierte Stegner das von der US-Regierung und den Taliban schon im Frühjahr 2020 unterzeichnete Doha-Abkommen, das den Abzug aller westlichen Truppen aus Afghanistan vorsah. Damit war klar, „wie die Sache ausgeht“, so Stegner. Die Taliban wurden zu einer „Regierung im Wartezustand“. Ähnlich wie heute in Bezug auf den Ukraine-Krieg sei die Bundesregierung bei den Doha-Verhandlungen nicht einbezogen worden. „Wir erkennen mit Besorgnis Parallelen zur Gegenwart“, sagte der Vize-Ausschussvorsitzende Thomas Erndl (CSU). Der Bericht offenbart auf deutscher Seite zudem viel Wunschdenken, wenig Kenntnis, fehlende Notfallpläne und teils dramatisches Behördenversagen. So informierte die damalige deutsche Botschafterin in Washington, Emily Haber, bereits am 6. August das Verteidigungsministerium, dass die Taliban bald die Macht übernehmen könnten. Bis sich das Ministeriums mit der Information befasste, vergingen jedoch mehrere Tage. Deutschland beteiligte sich knapp 20 Jahre am Afghanistan-Einsatz im Rahmen einer solidarischen Reaktion auf die Terroranschläge des 11. September 2001 in den USA. |