Liebe/r Leser/in, der Krieg ist längst bei uns. Täglich steigen sie aus den Zügen, die aus Osten kommen: Tausende Frauen mit ihren Kindern und ältere Menschen. Sie alle haben die Reise gen Westen auf sich genommen, um Tod und Zerstörung zu entfliehen. Ihre Söhne, Männer und Väter mussten sie in der Ukraine zurücklassen, sie kämpfen gegen Putins Truppen. In Empfang genommen werden die Flüchtlinge seit Tagen zumeist von ehrenamtlichen Helfern. Zwei Wochen vergingen vom Ausbruch des Krieges bis zur Öffnung der ersten Berliner Massenunterkunft auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel. Es sind 14 verlorene Tage, in denen die Stadt den Überblick darüber verloren hat, wer hergekommen ist und wer welche professionelle Hilfe braucht. Auch in vielen anderen Städten bietet sich dieses Bild, es gibt zu wenige Feldbetten, Unterkünfte, und wieder wird über den Einsatz der Bundeswehr diskutiert, anstatt schnell und unbürokratisch zu helfen.
Wenn die westlichen Geheimdienste, wie mehrfach berichtet, angeblich seit Wochen von den russischen Angriffen auf die Ukraine wussten, stellt sich die Frage, warum wir wie 2015, als sich plötzlich alle wunderten, dass Tausende auf dem Bahnhof von Budapest stehen, überrascht wurden. Im Sommer 2015 war die Hilfsbereitschaft der Deutschen ähnlich hoch und die Frustration später umso größer.
Tut Deutschland wirklich alles, um ein Chaos wie 2015 diesmal zu verhindern?
Derzeit weiß niemand genau, wie viele Flüchtlinge schon in unserem Land sind. Menschen aus der Ukraine müssen sich nicht registrieren, es gibt keine Visumpflicht und keine stationären Grenzkontrollen. Sie können gehen, wohin sie wollen. Bisher werden sie von Berlin aus nur dann in andere Bundesländer gebracht, wenn sie kein Ziel haben.
Meine Kollegen bereiten diese Woche einen Report vor, der die Umstände der neuen Fluchtbewegung beleuchtet: War den Verantwortlichen mit Ausbruch des Krieges klar, was auf Deutschland zukommt? Helfen die übrigen Bundesländer bei der Aufnahme? Was geschieht mit den vielen Tausend Frauen und Kindern, die jetzt zumindest in Sicherheit sind? Und wie geht es weiter, wenn auch der Krieg weitergeht?
Deutschlands Hilfsbereitschaft ist groß. Jetzt muss sie schnell in die richtigen Bahnen gelenkt werden.
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in diese Woche! |