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Liebe/r Leser/in,

war das damals ein Schreck! Sie erinnern sich sicher noch an die Fassungslosigkeit, die die erste Pisa-Studie mit der Erkenntnis auslöste, dass die Kompetenzen von Deutschlands Schülerinnen und Schülern im Lesen, in Mathematik und in Naturwissenschaften unter dem Durchschnitt der OECD-Staaten lagen. Das war vor 22 Jahren. Umso schockierender sind die jetzt veröffentlichten Ergebnisse eines bundesweiten Leistungstests unserer Grundschüler von 2021: Rund 20 Prozent aller Viertklässler verfehlen die  bei Lesen, Mathematik und Zuhören, bei der Rechtschreibung sind es sogar 30,4 Prozent.

In dem vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) erhobenen Leistungstest sind Bremen, Berlin und Brandenburg unrühmliche Schlusslichter: In diesen Bundesländern scheitern bis zu 35 Prozent der Viertklässler an den Mathe-Mindeststandards, bei der Rechtschreibung sind es in Berlin sogar 46,1 und in Brandenburg 45,7 Prozent – also fast jeder zweite! Bayern und auch Sachsen schneiden noch am besten ab, zum Beispiel in Mathe: Während 34,5 Prozent der Berliner Schüler die Mindeststandards nicht erfüllten, waren es in Bayern 13,2 und in Sachsen 13,4 Prozent.

Noch erstaunlicher als diese Ergebnisse aber finde ich die Tatsache, dass der Aufschrei ausblieb. Ich finde, wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass ein in Teilen dysfunktionales Schulsystem die Zukunftschancen so vieler Kinder zerstört. Schließlich sind sie unsere Zukunft. Was wollen wir ihnen später mal sagen? Pech gehabt, erst war Corona, dann Krieg in der Ukraine, und wir hatten zu wenig Gas? Es wäre auch gelogen, denn unter dem Strich verschlechtern sich die Ergebnisse der Grundschulausbildung seit 2011. Corona mag den Kompetenzverfall nur weiter beschleunigt haben.

Diese Ergebnisse, 22 Jahre nach der ersten Pisa-Studie, sind eine Bankrotterklärung der Schulpolitik, der Schul­politiker und auch von Teilen der Lehrerschaft. Es stellt sich für mich die Frage, ob wir die Schulbildung unserer Kinder weiter in den Händen der 16 Bundesländer lassen sollten. Dagegen sprechen auch nicht die vergleichsweise guten Ergebnisse in Bayern und Sachsen, denn es muss ja darum gehen, bayerische und sächsische Levels in ganz Deutschland zu erreichen. Das kann man den dort tätigen Bildungs­ministern kaum zutrauen. Da alle Schul­reformen der Vergangenheit das Ziel hatten, die Chancen der Schüler zu verbessern, muss man sagen: Mehr kann man nicht scheitern.

Bildungspolitik und Lehrerschaft bilden nach meinem Eindruck eine Koalition der Verantwortungsverweigerung und des Verschweigens. Sonst hätten zumindest in Berlin, Bremen und Brandenburg die Kultusminister und Grundschulleiter in dieser Woche kollektiv ihren Rücktritt anbieten müssen. Doch nichts dergleichen geschah, nicht einmal zu einer Entschuldigung bei den Opfern, also den Schülern, hat es gereicht. Nein, von diesem um sich selbst kreisenden Schul- und Bildungssystem ist wenig zu erhoffen.

Ein interessanter Beleg für meine These: Als 2011 das IQB zum ersten Mal die Leistungsfähigkeit der Viertklässler testete, fehlte ausgerechnet Rechtschreibung, weil die Kultusminister sie nicht dabeihaben wollten – ausgerechnet die Kompetenz, in der die Defizite bundesweit am größten sind.

Und wie kann es sein, dass nachgewiesenermaßen die Leistungen der Schüler sich verschlechtern, ihre Noten aber nicht? Da werden wohl die Noten dem Leistungsvermögen angepasst, um keine Unruhe zu stiften und um alles beim Alten lassen zu können.

Ich bin kein Bildungspolitiker, aber nach meinem Eindruck würde es helfen, sich an ein Sprichwort zu erinnern, das ja auch für Sportler oder Musiker gilt: Übung macht den Meister. Ich denke, es müssten in den Grundschulen wieder mehr Diktate geschrieben und mehr laut gelesen werden, es müssten wieder mehr Aufgaben gerechnet werden, vor allem als Hausaufgabe. Das sind nur einige wenige Beispiele. Aber im Kern geht es darum, dass die Grundschule sich auf die Vermittlung der grundlegenden Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen konzen­triert. Alles andere ist zweitrangig.

Noch zwei Absätze zur Energiekrise, der wir in dieser Woche auch unseren Titel widmen: Über das angebliche Machtwort des Bundeskanzlers im Atomstreit ist im Gegensatz zur Schulkatastrophe hitzig diskutiert worden. Man konnte lesen, dass Olaf Scholz den historisch beinahe ein­maligen Rückgriff auf seine Richtlinienkompetenz als Kanzler mit den Streit­hähnen Robert Habeck und Christian Lindner vorher abgesprochen habe, möglicherweise sogar vor dem Parteitag der Grünen in Bonn.

Meine Frage: Können die drei Spitzen der Ampel notfalls beeiden, dass dem nicht so war? Ein Machtwort nach Absprachen und folglich nach Einigung in der Sache wäre ein Schmierentheater, aus dem mangelnder Respekt vor den Bürgern und der Verfassung spräche. Die schnelle und weitgehend reibungslose Zustimmung der drei beteiligten Fraktionen spricht leider dafür, dass wir Zeugen einer billigen Inszenierung zur Vertuschung politischer Verantwortlichkeiten geworden sind.

Herzlich Ihr

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Robert Schneider,
Chefredakteur FOCUS-Magazin

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